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Peter Binzberger  >  Zitternde Luft unter milchigem Himmel  >  Leseprobe

Die Hantel

Die Hantel ist ein nüchternes, zweckmäßiges Sportgerät, um beim wiederholten Gebrauch, beim sogenannten Konditionstraining, die Muskulatur zu kräftigen. Vorwiegend die Muskeln der Oberarme, des Schulterbereichs, aber auch die über dem Brustkorb bis zum Bauch hinab und nicht zuletzt die Muskeln im Bereich des Rückens werden beim Hanteltraining zur Vervollständigung eines schönen "Adoniskörpers" herausgeformt. Es gibt Hanteln verschiedener Größen und Formen. Die Hantel, von der hier berichtet wird, bestand aus zwei großen gußeisernen Kugeln von 35 cm Durchmesser, die mit einer etwa 120 cm langen und

4 cm dicken Stahlstange verbunden waren. Das unhandliche, fast zwei Meter lange Trumm, wog genau 50 Kilo und stammte aus der ,,Sokolana" (des serbischen Turm- und Volksheimes) in Kikinda. Dort habe ich sie im Sommer 1941 kennengelernt. Meine ,,Liebe auf den ersten Blick" wurde bei jeder Begegnung inniger. Vielleicht, weil ich mit meiner strotzenden Kraft nicht wusste wohin. Also habe ich meine so Geliebte täglich in den lauen Sommerabenden besucht, sie fest in die Hände genommen, wiederholt an meine Brust gehoben, um sie danach mit starken Armen langsam himmelwärts zu heben. Dort oben hielt ich sie eine Weile triumphierend so wie eine Schöne, die man den Göttern zeigt. Aber in Momenten jugendlichen Übermuts, packte ich die so Geliebte, riß sie aus ihrem Schlummer am Boden mit einem jähen Ruck nach oben und ließ sie dort in den gestreckten Armen ruhen, damit sich die noch Schlaftrunkene vom Schreck erholen konnte. Ich mochte sie von mal zu mal mehr. Unser Verhältnis wurde immer enger. Wir spielten allmählich regelrecht miteinander, indem wir die Übungen immer länger ausdehnten und häufiger wiederholten.

Nur ganz wenige meiner Turnfreunde unterhielten zur Hantel eine ähnlich freundschaftliche Beziehung wie ich. Sie ließen diese lieber links liegen. Daher beschloß ich, meine Geliebte bei Dunkelheit zu entführen. Gesagt, getan: Nach dem nächsten Training hob ich sie auf meine Schultern, bestieg das Fahrrad und nach zehnminütiger Fahrt legte ich die Hantel zärtlich vor ein Blumenbeet im Garten unseres Vorhofes.

Von da an spielten wir täglich bei jeder Gelegenheit miteinander. Nach wenigen Monaten hatten wir noch mehr Spaß aneinander, weil ich die Geliebte inzwischen mit einer Hand drücken, stoßen und reißen konnte. Kaum einer im Freundeskreis wird mir dies nachmachen können. In meiner Fantasie sonnte ich mich mit der antrainierten Kraft in der erwarteten Bewunderung meiner Mitschülerinnen und dem Neid der Schulfreunde.

Mit dem Herbst kam der Schulbeginn. Die Schüler des Nordbanats fuhren mit ein und demselben Zug nach Werschetz. Als der Zug am Bahnhof der Kreisstadt Kikinda einfuhr, hatten schon die LBA-Schüler aus den nördlicheren Dörfern, Mokrin, Sanad, Nakodorf u.a. einen kompletten Waggon für uns Kikindaer reserviert und frei gehalten. Mit lautem ,,Hallo" und freudiger Begrüßung stiegen nun die zwanzig bis dreißig Mädchen und Burschen mit ihren zahlreichen Koffern und anderen Gepäckteilen zu. Es mußten ja Kleidung, Lernmittel, Bücher, Naschsachen, aber auch vieles Nötige und Unnötige für mehrere Monate mitgenommen werden. Das Außergewöhnlichste hatte mal wieder ich mitgebracht. Was hatte ich ausgeheckt?

Diesmal kutschierte mich, was nur bei reichen und feinen Herrschaften üblich war, ein Fiaker von unserer Wohnung zum Bahnhof. In der Mitte dieses vornehmen Gefährts, dort wo normalerweise die Füße der Beförderten ruhen, war die Stange der Hantel und auf beiden Seiten über den Einstiegstreppen, hingen die schweren, dicken Eisenkugeln. Am Bahnhof angelangt, bezahlte ich den Fiakeristen, nahm den prallvollen Rucksack auf den Rücken, den großen schweren Koffer in die linke Hand, während meine Rechte die 50-Kilo Hantel in der ausbalancierten Mitte wie ein Schraubstock umklammerte. Sogewichtig bepackt erschien ich mit vorgetäuschtem leichtem Schritt auf dem Bahnsteig. Der Empfang war von mir wie in einem Drehbuch vorausgeplant und lief mit der erwarteten Wirkung präzis ab. Die sonst übliche laute, freudige Begrüßung, war noch turbulenter. Die Freunde halfen mir mein Gepäck und die sperrige, schwere Hantel im Waggon unterzubringen. Ich und mein Trumm waren einige Minuten lang der Mittelpunkt des Gesprächs im Abteil. Doch als der Zug anrollte und nach Süden abbog, bestimmten andere Ereignisse und Ferienerlebnisse die Unterhaltungen in den Gruppen.

Als der Zug in den Werschetzer Bahnhof rollte, war es kurz vor Mitternacht und tiefe Dunkelheit lag über dem Land. Am Bahnhof warteten keine Fiaker mehr auf Fahrgäste. Normal schleppten die LBA-Schülerinnen und Schüler ihre Siebensachen in das etwa zwei Kilometer entfernte Internat.

Diesmal hatte ich aber mehr als das gewöhnlich zu schleppende 50 bis 60 Kilo Gepäck. Meine geliebte Hantel, die ich mitbrachte, um mit ihr im Schülerheim und bei allen anderen möglichen Gelegenheiten die Aufmerksamkeit und Bewunderung der Mitschülerinnen sowie der Mädchen des Deutschen Gymnasiums einzuheimsen, aber auch um mir den Respekt und die Anerkennung von Schulkameraden zu verschaffen, war mit ihren 50 Kilo schon eine zusätzliche Belastung. Was tun? Schnell war eine Lösung gefunden: Ich rollte die Hantel auf ihren Kugeln Richtung Internat. Zunächst ging alles gut. Auf dem ersten Stück des Weges war die Straße unbefestigt, also einfache, mehr oder weniger staubiger, gewachsener Erdboden. Die Burschenschar hing an mir, oder besser gesagt an der Hantel, wie eine Traube. Immer wieder drängten einer oder mehrere danach, die Hantel mit den Füßen anzustoßen und in immer schnellerem Tempo vorwärts zu rollen. Einen richtigen, übermütigen Jux hatten wir und mit immer lauterem Gejohle näherten wir uns dem Stadtkern. Dort waren die Straßen mit ,,Türkenkopf-Steinen" gepflastert. Als die gußeisernen Kugeln der Hantel darüber rollten, dröhnte es zwischen den Häusern so laut, als wenn Eisenbahnzüge oder Panzer durch die Gassen fahren würden. Dieser Lärm weckte sicherlich alle Anwohner aus dem ersten Schlaf und ließ sie in

ihren Betten erschreckt hochfahren, denn alle Fenster waren schon dunkel. Kaum in einem Haus brannte Licht. Nur die spärliche, schwache Straßenbeleuchtung zeigte müde den Weg an. Das Gejohle der übermütigen Burschen versuchte vergeblich das Dröhnen der Hantel zu übertönen. Offen gestanden, ich war Gott froh, als die Meute mit der gejagten Hantel das Schülerheim erreichte. Und es wundert mich noch heute, daß in den folgenden Tagen keine Beschwerde seitens der Bevölkerung oder mehr noch, von den städtischen Ordnungshütern bei der Schule einging, sodaß wir vollkommen ungeschoren davonkaxnen, ohne irgendeine verdiente Strafe verbüßen zu müssen.

Die Hantel faszinierte, wie von mir erwartet, die Burschen im Schülerheim und in der Schule. Vormittags während des Schulunterrichts und nachts lag sie friedlich ruhend unter meinem Bett im Schlafsaal im ersten Obergeschoss. In der übrigen Zeit, vor allem nachmittags und an den Wochenenden, rückte sie regelmäßig im Schulhof in den Mittelpunkt des Geschehens. Fast jeder Bursche wollte an ihr seine Kräfte messen, nur die ganz jungen und schwächlichen mieden ihre Nähe. Normalerweise wurde die Hantel zumTraining, mehr noch zu wetteiferndem Kräftemessen unter den Burschen, aus ihrem Versteck unter dem Bett über die Treppen in den unweiten Schulhof getragen, um dort einer größeren Gruppe die eintönige Freizeit zu verkürzen. Nicht selten begleiteten neugierige, interessierte oder auch anerkennend-taxierende Blicke einiger Schulfreundinnen dieses Treiben, was für uns Burschen sehr wichtig war.

Neben diesem regelmäßigen Konditions- oder Schautraining, gab es aber für einen etwa gleichaltrigen kleineren Freundeskreis zwischendurch abends im Schlafsaal noch eine verbotene HantelErgänzungsstunde, eine Art ,,Betthupferl" für Unersättliche. Und wie häufig im Leben, passierte eines Tages etwas Außergewöhnliches. Irgend einem, von den vorangegangenen Kraftübungen ausgelaugten Freund oder einem zarten, schwächlicherem Klassenkamerad, entglitt das Trumm aus derHand, kurz er ließ es fallen. Der Fußboden vibrierte enorm und der detonationsähnliche Krach verbreitete sich über das ganze Gebäude. Natürlich war in wenigen Sekunden das Licht gelöscht und alle sechzehn Zimmergenossen täuschten mit schlechtem Gewissen in ihren Betten einen tiefen Schlaf mit gleichmäßigen ruhigem Atmen vor. Jedoch weder der Internatsleiter, noch sein Vertreter tauchten im dunklen mucksmäuschenstillen Schlafsaal auf und wir Schuldbewußten tauchten alsbald in den Schlaf der Gerechten ab.

Doch am nächsten Vormittag, als der aus Deutschland stammende Schulleiter Dr. Schröder sein Rektorat betrat, muß ihn kein geringer Schock getroffen haben. Der Putz der schönen Zimmerdecke, reichlich mit Stuckornamenten verziert, hatte einen großen Riß diagonal über die gesamte Länge und bröseliger, feiner Putzstaub und kleine Gipssplitter bedeckten den Schreibtisch und die wertvollen Polsterstühle des Besprechungsbereicbs im Rektoratsimperium.

Natürlich wurden während des gesamten Vormittag-Unterrichts Nachforschungen angestellt, um die Ursache dieses Schadens zu ergründen. Wiederholt wurden alle Klassen vom Herrn Direktor persönlich besucht und einzelne Schüler oder die gesamte Klasse, der Hausmeister, der Internatsleiter, die Zimmerältesten und andere Vorgesetzte befragt, ob ihnen etwas aufgefallen sei oder ob sie etwas gehört hätten. Niemand wußte was, keinem war irgendwas aufgefallen und ein Geräusch oder ein Poltern hat auch kein Einziger vernommen. Nach ein, zwei Tagen wurden die im Sande verlaufenen Untersuchungen eingestellt. Die Gemüter beruhigten sich und der Vorfall geriet bald in Vergessenheit.

Welch ein Glück hatten wir aus dem großen Schlafsaal, insbesondere ich als Hantelbesitzer, daß alle Wissenden oder Ahnenden dicht hielten und keiner petzte. Wäre auch nur einer der Vorgesetzten auf die Idee gekommen, die Räume über dem Rektorat zu inspizieren, die unübersehbare 50-Kilo-Hantel, obwohl still und stumm unter dem Bett, hätte mich verraten.