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Peter Binzberger  >  Die Flucht westwärts  >  Leseprobe

WESTWÄRTS INS LAND DER AHNEN

Max sammelte in der Dunkelheit am landseitigen Fuße des Dammes einige Soldatenkameraden, die er von der Schule oder vom Sport her kannte, erklärte ihnen die seiner Meinung nach hoffnungslose Situation und verkündete seinen Entschluß, sich unverzüglich nach Westen abzusetzen. Da ihn fast alle kannten, vertrauten sie ihm und versprachen mitzumachen.

Auf einem harten, vom Wenden des Pfluges holprigen Gewannweg, den man im fahlen Licht der vom Mitternachtshimmel hell leuchtenden Sterne ausmachen konnte, trottete die Gruppe ausgemergelter Gestalten los. Der Feldweg schien nach Westen in die Batschka zu führen. Obwohl Max wie alle übermüdet und erschöpft war, hatte er noch die Kraft zu denken. Es fiel ihm ein, dass er in der Heimat häufiger Pferde im Stehen hatte schlafen sehen. Er erinnerte sich auch, wie er als Kind mit dem Vater und Großvater auf dem mit Sellerie vollgeladenen Wagen von Kikinda aus in das 35Kilometer entfernte Betschej an der Theiß zum Wochenmarkt hatte mitfahren dürfen. Bei solchen Fahrten wurde schon in den ersten Morgenstunden aufgebrochen, wenn Max nach dem ersten Tiefschlaf noch in der dunklen Morgenkühle fröstelnd sich schlaftrunken die Augen gerieben hatte. Er glaubte sich daran zu erinnern, dass das Pferdegespann auf den staubigen Landstraßen halbschlafend die Last hinter sich hergezogen hatte. Was Pferde können, dachte sich Max, sollten auch die Menschen fertig bringen. Auf Zuruf blieben die tippelnden Kameraden stehen; Max erklärte mit wenigen Worten seine Überlegungen und schnell war man sich einig, es den Pferden gleichzutun. Die sechs, sieben Kameraden bildeten eine Kolonne mit Max am Kopfe. Die Nachfolgenden legten abwechselnd jeweils ihre rechte oder linke Hand dem Vordermann auf die Schulter oder auf den Militärrucksack und trotteten wie die Gänse ihrem anführenden Gänserich im Halbschlaf hinterher. Diese Riesenraupe, die sich mal rechts, mal links, mal aufrechter, mal zusammengesackt dahinschlängelte, war sicher gespenstisch anzuschauen. Aber es klappte. Nach wenigen Kilometern übergab Max dem Nächstfolgenden die Führung und schlosssich als Letzter der Kolonne an. So ging es reihum gute zehn, zwölf Kilometer. Max schlief, stolperte häufiger, seine Knie versagten manchmal, und sein Körper knickte ein. In solchen Momenten blickte er wie in Trance schlaftrunken zum dunklen Himmel, zu den leuchtenden Sternen, aber auch witternd und sichernd in die umliegenden Felder, und schon fielen ihm wieder die Augen zu und der Geist schaltete ab. Als die Kolonne nach Stunden im ersten Morgengrauen ein Dorf erreichte, beschlossen die Übermüdeten, sich in den primitiven Heuhütten oder Strohschobern zu verkriechen, um für wenige Stunden die müden Körper in einer wärmenden, weichen Schlafstelle auszuruhen und vor der herabfallenden Morgenkälte zu schützen. Die klaren Oktobernächte waren in der Pannonischen Tiefebene sehr kalt und nicht selten zeigte das Thermometer Minusgrade an.

Als die Helle des nächsten Tages Max durch seine schlafgeschlossenen Lider weckte, musste es weit im Vormittag sein, denn die Sonne stand schon hoch am blanken Himmel und wärmte angenehm. Auf sein verhaltenes Rufen nach den Kameraden tauchten nur sein Klassenkamerad Hans und zwei weitere Freunde auf. Wo blieben die anderen? Waren sie schon weitergezogen? Vielleicht wollten sie auch einzeln oder in einer kleineren und dadurch unauffälligeren Gruppe westwärts? Sie waren ja in einem anderen Land, nicht mehr im Besatzungsgebiet der Wehrmacht! Die Batschka war nach dem 1941er Balkanfeldzug den verbündeten Ungarn zugefallen. Und die Magyaren, das wussten die Banater, versuchten schon seit einigen Monaten, seit die Ostfront dem Druck des Feindes nicht mehr standhielt, in Geheimgesprächen mit den Russen einen Sonderfrieden auszuhandeln; sie begingen also Verrat am deutschen Verbündeten! Also war Vorsicht geboten. Keiner konnte damals wissen, wie sich die Honved, das ungarische Heer, verhalten würde. Es konnte doch ein Befehl ergangen sein, die fliehenden deutschen Soldaten zu entwaffnen und gefangen zu nehmen, ja schlimmstenfalls diese sogar der ,,Roten Armee" auszuliefern. Diese mehr erahnte und befürchtete Gefahr entsprach in jenen ersten Oktobertagen des Jahres 1944 durchaus der politischen Großwetterlage, wie sich nur wenige Tage später bewahrheiten sollte. Max war sehr vorsichtig. Seine Eltern und Großeltern hatten ihm schon in den Kinderjahren ein gesundes Misstrauen anerzogen. Die multikulturelle Gesellschaft des Banats, in die er hineingeboren worden war, hatte neben der interessanten und durchaus bereichernden Vielfalt auch ihre negativen Seiten. Eine unbedarfte Leichtgläubigkeit hatte sich in seinem jungen Leben schon häufig gerächt, und er hatte sich angewöhnt, alle Entscheidungen wohlüberlegt anzugehen. Dies kam ihm in der jetzigen misslichen Lage, in der sich Max und seine Freunde befanden, sehr zugute. Also schlug er vor, nicht sofort aufzubrechen, sondern sich zunächst im nebenan befindlichen Maisfeld zu verstecken, um dort das weitere Vorgehen zu besprechen. Gleichzeitig waren die Vorgänge auf den umliegenden Feldern sowie im Dorfe zu beobachten und letzteres zu erkunden. Keinesfalls wollten Max und seine Freunde ungarischem Militär oder bewaffneten Polizisten begegnen. Zwischen den trockenen, erntereifen, aber noch nicht abgeernteten Maisstauden fühlten sie sich sicher. Sie brachen einige Maiskolben von den Stauden ab, um die schon reifen, aber noch feuchten Körner zu essen, denn sie hatten alle großen Hunger, und der Durst plagte sie. Ihre Rucksäcke und die Gewehre stellten sie zur Seite, legten die Uniformjacken ab und zogen nach Tagen zum ersten Mal die Schuhe aus. Vor allem Hans klagte schon seit Tagen über Schmerzen an seinen Füßen, und seine Freunde sahen nun die großen Blasen und Fleischwunden, die ihm die unmittelbar vor dem Fronteinsatz fünf bis sechs Tage vorher neugefassten harten Schnürstiefel zugefügt hatten. Auch die anderen hatten aufgeriebene Stellen, jedoch keine so schlimme Wunden wie Hans. Nur Max hatte keine Probleme mit den neuen Stiefeln. Woher kam das? wollten die Freunde wissen. Und Max verriet ihnen einen Rat seines Großvaters, indem er die Empfehlung in ihrer Urwüchsigkeit wiedergab: ,,Neinbrunze muss me in die harte neie Schuh, bevor mr s‘ anzieht". Nun, Max hatte das nicht im wortwörtlichen Sinne getan, aber er war wenige Tage zuvor klug gewesen, als er die neuen harten Stiefel in der Kleiderkammer zugeteilt bekommen hatte: Er hatte diese in der folgenden Nacht in das ihm anvertraute hochwertige, dünnflüssige Waffenöl gestellt, das ausschließlich zum Reinigen und Ölen der Gewehre und Maschinengewehre verwendet werden durfte. Seither waren seine Schnürstiefel weich wie Butter und vollkommen wasserdicht, wie, es sich im Dauerregen wenige Tage vorher beim Fronteinsatz bereits gezeigt hatte. Während dessen sann Max auf Hilfe für den fußkranken Hans. Und er erinnerte sich, wie im Frühjahr 1941, vor Ausbruch des Balkanfeldzuges, die Donauschwaben und die Ungarn ihre Fahrräder bei der Polizeibehörde seiner Heimatstadt Kikinda für die jugoslawische Armee hatten abliefern müssen. Was damals recht gewesen war, konnte jetzt für Hans und die Gruppe nur billig sein. Sie nahmen sich vor, sich baldmöglichst, diesmal natürlich von den Serben, Fahrräder zu ,,organisierent‘, um leichter und schneller nach Westen voranzukommen.

Wie verabredet schlich sich mal der eine, mal der andere Freund in die Gärten am Dorfrand, um dort von den Obstbäumen die reifen Äpfel und Birnen zu holen und gleichzeitig die Umgebung zu erkunden. Die Berichte der Zurückgekehrten deckten sich: Es schien ein serbisches Dorf zu sein, denn die Gärten, die Wohn- und Wirtschaftsgebäude wirkten ungepflegt. Weit und breit war kein Mensch zu sehen, weder in den Höfen oder Gärten noch auf den Straßen oder Feldern. Die Menschen hatten sich verkrochen, nicht mal ein Hofhund bellte Leben ins Dorf. Da die Sonne schon den Zenit am wolkenlosen Himmel durchschritten hatte, und Maxens alte, verkratzte Armbanduhr zwei Uhr nachmittags anzeigte, brach die vierköpfige Gruppe auf. Sie gingen durch die menschenleere Gasse, zu zweit auf jeder Häuserseite. Zum Dorfkern hin wurden die Giebelhäuser größer, und über die lehmgestampften Mauern hinweg, die die Hofflächen von der Straße abschirmten, waren die größeren Strohschober und fruchttragenden Obstbäume zu erkennen. Max entschloss sich, mit Hans in den Hof eines der besser aussehenden Häuser zu gehen, um nach Brot und Wasser zu fragen und auch die zwei benötigten Fahrräder zu requirieren. Die geladenen und gesicherten Gewehre trugen sie unter dem rechten Arm. Zunächst ließ sich niemand blicken. Auf Klopfen und Rufen kam als erste eine ältere, sehr verängstigt wirkende Frau aus dem Haus. Sie war Serbin und brachte ihnen auf ihre Bitte hin aus dem Hause Brot und Wasser.

Ein Gespräch entwickelte sich, sie erfuhren, dass sie in einem serbischen Dorfe bei Zabalj waren und dass dort keinerlei Militär oder Polizei stationiert war. Nach einem Weilchen wagten sich auch zwei Männer aus dem Hause. Vermutlich waren es der Bauer und sein gut zwanzigjähriger Sohn. Nun musste die harte Frage nach zwei Fahrrädern gestellt werden. Die beiden Männer behaupteten, sie besäßen kein Fahrrad, was ihnen Max nicht glaubte und dies in aller Deutlichkeit und Härte in ihrer Sprache auch sagte. Er forderte sie abermals auf, binnen fünf Minuten zwei Räder herzuholen. Als sie dieser Aufforderung nicht nachkamen, entsicherte Max den Karabiner und schoss seitlich in die Erde des Hofes, so dass diese aufspritzte. Und siehe da: Der junge Bauernbursche eilte zu einem Strohschober und zog ein intaktes Fahrrad hervor, das er Hans übergab. Lauthals beteuerten die sich nun wild bekreuzigenden und schwörenden Serben, dass sie ein zweites Rad nicht hätten. Da Max die Mentalität der Serben kannte, glaubte er ihnen nicht und drohte mit unmissverständlichen Worten an, selbst auf Suche zu gehen. Aber wehe ihnen, wenn er fündig würde! Harte Bestrafung, ja ein Unglück könnte sie treffen! Das zog! Im Nu war das zweite Fahrrad gebracht und wurde übergeben. Hans und Max radelten die Straße entlang aus dem Dorfe. Einige Kilometer westlich außerhalb des Ortes warteten die anderen zwei Freunde im Schatten eines Baumes am Rande einer staubigen Feldstraße. Auch sie hatten Fahrräder ,,organisiert", und man radelte gemeinsam nach Westen in der Hoffnung, in wenigen Stunden eine donauschwäbische Siedlung in der zentralen Batschka zu erreichen, um dort bei Landsleuten unterzukommen und irgendwelche wichtige Nachrichten zu erfahren. Nicht allzulange nach Sonnenuntergang, als die fortschreitende Dämmerung die ersten Sterne ans Firmament lockte, tauchte vor den radelnden Soldaten die blasse Silhouette eines Kirchturmes auf Sie hielten auf ihn zu und kamen alsbald in ein Dorf, in dem sie Häuser donauschwäbischer Bauern erkannten. In einem Bauernhof fragten sie nach einem Nachtquartier und wurden von Landsleuten freundlich aufgenommen. Max und seinen Freunden wurde ein kräftiges donauschwäbisches Nachtessen auf den Tisch gestellt, und die erschöpften jungen Soldaten verzehrten das Gebotene gierig wie ausgehungerte Wölfe. Danach zeigte ihnen der Bauer ihre Schlafstelle in einem gemauerten, an der vorderen hofseitigen Front offenen Schuppen, in dem er zwischenzeitlich am Boden reichlich frisches Stroh ausgebreitet hatte. Er erlaubte ihnen auch, sich am Wassertrog des Schwengelbrunnens im Hofe zu waschen. Die Abendtoilette wurde gründlich vollzogen, und die Freunde sanken danach in einen tiefen, erquickenden Schlaf.

Max war kein Langschläfer. Im Gegenteil: Sein Vater, der ein Frühaufsteher war, hatte ihn schon ab dem zehnten Lebensjahr, als Max von der Volksschule ins Kikindaer Realgymnasium gewechselt war, regelmäßig frühmorgens deutlich vor sechs geweckt, indem er unbarmherzig die mit Federn gefüllte, wärmende Bettdecke mit dem Morgengruß ,,Auf, auf mein Sohn, der Tag beginnt!" weit weggezogen hatte. Dabei hatte Max keine Chance gehabt, sich nochmals im Bett umzudrehen und die wärmende Decke überzuziehen. Nach etwa einem Jahr war diese tägliche Prozedur nicht mehr nötig. Maxens innere Uhr war eingestellt. Beim ersten Hahnenschrei oder, wenn dieser ausblieb, schon bei der noch kaum wahrnehmbaren Morgendämmerung sprang er geradezu leichtfüßig und gut gelaunt aus dem Bett, in dem er soeben noch traumlos und erquickend geschlafen hatte.

So war es am folgenden Morgen auch selbstverständlich, dass Max, als er vom gegenüberliegenden Bauernhaus die ersten Geräusche vernommen hatte, an den Brunnentrog ging, um mit erfrischend kühlem Wasser gründlich den ganzen Körper zu waschen, so wie er dies auch in den zurückliegenden Internatsjahren getan hatte. Dies blieb auch der Bäuerin nicht verborgen und sie rief Max kurz danach zum Frühstück, derweil die Freunde im Stroh noch fest und tief schliefen.

Die Nachrichten vom Zusammenbruch der Front im Banat und die erste Begegnung mit fliehenden, demoralisierten deutschen Soldaten hatte die Bauernfamilie die ganze Nacht quälend bedrückt. Max sah die Angst in ihren übernächtigten Augen. Die tiefen Sorgenfalten in den sonnenverbrannten Gesichtern des Ehepaares wirkten im schwachen elektrischen Licht der Stube wie eingemeißelt. Das Ahnen eines nahenden Unheils hatte die braven, schaffigen Leute gezeichnet. Und ihre bedrückten Fragen, die sie quälten, suchten dringend nach Antworten: Woher kommt ihr? Was wisst ihr? Was habt ihr erlebt? Wohin wollt ihr? Sollen wir hier alles zurücklassen und fliehen, so wie es unsere Volksgruppenführung empfiehlt? Alles zurücklassen, was Eltern, Großeltern und Urgroßeltern erarbeitet haben? Und für wie lange? Und wohin gehen? Wisst ihr, ob die Banater geflohen sind? Alle? Oder nur ein Teil? Sind viele zurückgeblieben? Was wird den Zurückgebliebenen geschehen? Wer wird, bis wir zurückkommen, Hof und Vieh versorgen? Wann werden wir wieder zurückkommen? Was wird sein, wenn wir wiederkommen? Und nochmals: Sollen wir überhaupt weglaufen? Unsere Ahnen haben mit den Ungarn doch über hundertfünfzig Jahre friedlich zusammengelebt! Warum soll dies in Zukunft nicht möglich sein? Und die Serben? Natürlich sind diese roher, feindseliger! Neidisch auf unseren Wohlstand und Besitz sind doch vor allem nur die nach 1918 Neuangesiedelten, die ,,Dobrowoljci"?

Max hörte diese und noch viele weitere Schicksal entscheidende Fragen, die brennend eine Antwort suchten. Und doch konnte er, der erst Siebzehnjährige, kaum zufriedenstellende Antworten, geschweige denn einen fundierten Rat geben. Natürlich erzählte er von seiner Enttäuschung über die Kampfkraft der deutschen Wehrmacht, die er soeben im Banat hatte erfahren müssen. Dann schilderte er auch das Desaster am Aradazer Brückenkopf an der Theiß, bei dem viele seiner Mitschüler ihr Leben verloren hatten. Und nicht zuletzt erzählte er von seiner Familie, wie die Serben Anfang April 1941 seinen Vater verhaftet und mit weiteren vielen Hunderten von Volksdeutschen in die feuchten Kasematten der Festung Peterwardein zusammengepfercht hatten, um alle diese unschuldigen Männer beim Heranrücken der damals siegreichen Wehrmacht gemeinsam mit der Donaubrücke bei Neusatz in die Luft zu sprengen. Dass Max angesichts dieser bitteren Erfahrung in seinem vierzehnten Lebensjahr den Serben seither nicht mehr über den Weg traute, war verständlich. Um wie viel mehr waren nun Ausschreitungen der siegestrunkenen kommunistischen Tito-Partisanen zu befürchten, die durch ihre feigen und hinterhältigen Überfälle seit 1941 sowohl die deutschen Wehrmachtsangehörigen als auch die donauschwäbischen Mitglieder des Heimatschutzes mordeten. Zudem befürchteten vor allem die Westbanater Schwaben, die das Gros der donauschwäbischen SS-Division ,,Prinz Eugen" stellten und die seit 1943 in den unwirtlichen Bergen des Balkans die Tito-Partisanen bekämpften, deren ethnisch motivierte Rache an der gesamten unschuldigen deutschen Zivilbevölkerung. Wegen dieser Befürchtungen hatte Max gut eine Woche vorher, direkt am Abend vor dem Fronteinsatz seiner Kompanie, vom Untersturmführer für eine Nacht ,,Urlaub auf Ehrenwort" erbeten und auch erhalten. Max war darauthin mit dem letzten Abendzug von Betschkerek nach Kikinda gefahren und hatte seinem 46 Jahre alten Vater samt Familie dringend zur Flucht geraten. In derselben Nacht hatte er alle seine bisherigen Schulzeugnisse, seine persönlichen Dokumente sowie seinen Ahnenpass mit einigen

Bildern von den Großeltern zu einem kleinen wasserdichten Päckchen zusammengeschnürt. Dieses hatte er dann dem Vater übergeben mit der Bitte, nur dieses für ihn bei der Flucht mitzunehmen, da alles andere ersetzbar sei. Mit dem Vier-Uhr-Morgengenzug war er dann nach Betschkerek in die Kaserne zurückgefahren und hatte, wie wenn nichts geschehen wäre, beim Morgenappell wieder in Reih‘ und Glied seiner Einheit gestanden.

Obwohl Max durch die Schule gebildeter war und auch sicherlich mehr Wissen angepaukt hatte, als dies bei der einfachen, bäuerlichen Vorgeneration möglich gewesen war, wusste er nicht, was er seinen redlichen Gastgebern noch sagen sollte. Er wusste ja selbst nicht, wie und was sich im Banat bei der Flucht ereignet hatte, da die Landsleute dazu viel zu spät aufgerufen worden waren und deshalb ein chaotischer Ablauf unvermeidlich war. Und die Lebenserfahrung eines gestandenen bäuerlichen Ehepaares konnte er mitseinem Wissen schon gar nicht wettmachen! Bestenfalls konnte Max nachvollziehen, wie schwer sich ein Donauschwabe von seinem Stück Erde, von seiner Scholle trennte, die er Jahrzehnte mit dem Schweiß seiner besten Jahre getränkt hatte. Er kannte dieses ,,zähe am Boden hängen" von seinen Großeltern, die sich auch weigerten, ihr Wein- und Obstgut mit dem herrschaftlichen Haus zurück zu lassen. Doch die waren über achtzig. Und so war Max erleichtert, als seine Freunde nun in die Stube traten und durch ihr Erscheinen das traurige Gespräch unterbrachen. Nach deren kurzem Frühstück war es Zeit zum Aufbruch, denn die Sonne war schon über dem Horizont und lockte mit milder Wärme vom wolkenlosen Himmel. Max und die Freunde verabschiedeten sich sichtlich dankbar und gerührt und schwangen sich auf die Fahrräder. Zurück blieb das Bauernehepaar mit ihren schweren Gedanken und der offenen Entscheidung: daheim bleiben oder fliehen?