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MAXENS ZWEITES LEBEN

Bei meinen Bekannten und im Freundeskreis gelte ich aufgrund meiner natürlichen, optimistisch gestimmten Lebenseinstellung und meiner Gewohnheit, mich ohne zu zögern den Aufgaben, die mir das Leben oder ich mir selbst stelle, als ein Machertyp. Dies ist jedoch eine einseitige, unvollständige Charakterisierung - nur eine Facette meines Ichs. Viele meiner weiteren Eigenschaften erkennen meine Mitmenschen erst, wenn die üblichen Kurzkontakte, die flüchtigen Begegnungen in längerwährende, vertrauensvollere oder gar freundschaftliche Verbindungen münden. Eine dieser Eigenheiten ist meine Neugier. Diese veranlasst mich häufig, die Ursachen der Entscheidungen und der Handlungen meiner Mitmenschen zu ergründen. Banale Fragen wie: Weshalb macht er das, und warum gerade so und nicht anders? Oder warum erst jetzt und nicht früher oder auch später? melden sich, suchen nach schlüssigen Antworten oder Erklärungen und weichen erst, wenn ich überzeugt bin, die entscheidenden Auslöser, die wahren Motive für bestimmte Handlungsweisen erkannt zu haben. Eine penible, ja penetrante Eigenart ist dieses lästige Misstrauen. Ich bin überzeugt, dass die unguten Erfahrungen meiner Jugendjahre in der intoleranten, multiethnischen, multireligiösen und multikulturellen Gesellschaft mich entsprechend geprägt haben.

Dieser jugendliche, wendige, misstrauische Bursche des Banats, der einen großen Anteil an meinem totalen „Ich“ hatte, bekam von den Mitschülern und Sportfreunden den Spitz-namen „Max“.

Sicherlich stand der damalige deutsche Boxweltmeister im Schwergewicht, Max Schmeling, bei der Verleihung dieses Namens Pate. Dabei war keineswegs das Boxen Max´ bevorzugte Sportdisziplin. Aufgrund seiner Flinkheit, Ausdauer und Kraft war „Max“ vielmehr ein vielseitiger Sportler. Einen respektvollen Ruf erwarb sich dieser „Max“ in mir vor allem als Spieler in der Handballmannschaft der Lehrerbildungsanstalt - damals das führende Team in der ganzen Region. Als „Handballer“ kam dieser „Max“ viel herum und war weithin bekannt. Dieser alerte „Max“ hat allem Anscheine nach bis heute sowohl in mir selbst als auch in den Erinnerungen anderer überlebt. Denn viele Schul- und Jugendfreunde aus jenen Jahren bevorzugen noch heute diesen Rufnamen. Vermutlich haben sie mich noch immer als den „Max“ von damals in Erinnerung. Warum also soll ich am Lebensabend, in meinen Gesprächen mit den Menschen der alten Heimat Banat, nicht die „Identität“ des Max aufleben lassen? Ich kenne keinen Grund ihn zu verleugnen! Denn dieser „Max“ in mir, das eigentliche, vorherrschende „Alter Ego“ meiner Jugendzeit hat doch über die Jahrzehnte meines Lebens hinweg die Verbundenheit mit der Heimat bewahrt und die Erinnerungen meiner unbeschwerten Jugendzeit im Banat behütet. Soll doch „Max“ in die Vergangenheit, in seine eigentliche, längst verflossene Gegenwart, zurückkehren. Soll seine Heimat – die gleichzeitig die ehemalige Heimat meines jetzigen Ichs ist – besuchen und dort mit seinem leidvernarbtem Herzen voller wehmütiger Sehnsüchte die Kontakte anknüpfen und die Gespräche führen. Wohl auf „Max“! Und viel Glück!