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AUFBRUCH INS LEBEN

Rückblickend betrachtet war der 20. August 1945 wohl eine markante Zäsur in meinem jungen Leben, wahrscheinlich die entscheidendste. Genau genommen muss meine Situation an diesem Tage trostlos gewesen sein: Meine körperliche Konstitution war zum Erbarmen. Der monatelange Hunger in der Kriegsgefangenschaft hatte mein Körpergewicht von 75 auf weniger als 47 Kilogramm reduziert – nur Haut und Knochen waren von meinem einst schönen, sportlich durchtrainierten, muskulösen Körper übriggeblieben. Mein Herz war so geschwächt, dass der Kreislauf bei jeder schnelleren Bewegung zusammenbrach und die Bewusstlosigkeit sich mit dem Schwarz im Blickfeld anmeldete. Auch meine seelische Verfassung muss sehr lädiert gewesen sein, obwohl ich daran nur eine schwache Erinnerung habe. Bewusst war mir dagegen meine Einsamkeit: Ich war völlig ´auf mich allein gestellt´, wie die Banater solch eine Situation treffend bezeichneten. Ich hatte keine Heimat, kein Zuhause, keine Jugend- oder Schulfreunde – nicht einmal Kameraden, Bekannte oder echte Verwandten. Ich wusste nichts über das Schicksal meiner Eltern. (Im letzten Feldpostbrief vom 24. April schrieb meine Schwester Luise, dass die Familie von der Slabetzer Flüchtlingsunterkunft wegziehen wolle. Wohin, in welche Richtung – das war an jenem Tag noch nicht entschieden). Tröstlich war lediglich, dass ich noch etwas Bargeld hatte. Doch das war wertlos! Mit Geld allein konnte man nichts kaufen, weder Nahrungsmittel noch Wäsche. Neben dem Geld benötigte man ´Lebensmittelmarken´ oder, für fast alle anderen Güter, die behördlichen Sondergenehmigungen, die ´Bezugsscheine´. Bei meinem ersten Blick in den Spiegel an einem jener Tage erschrak ich zutiefst: Aus einem schmalen, hohlen, entstellten Gesicht schauten mir angstvolle Augen entgegen, die mich an den glänzend-flackernden Blick aufgescheucht-gehetzten Wildes erinnerten. In meinem Schreck prüfte ich lange, ob im Glanz meiner Augen noch die Tiefe eines beseelten menschlichen Wesens zu erkennen war. Mein mir fremdes und erschreckendes Spiegelbild irritierte mich so sehr, dass sich mir mein Abbild unauslöschlich ins Gedächtnis einkerbte und das Schreckensbild bis zum heutigen Tage nicht verblasst ist.

Obwohl in diesen ersten Tagen meines neuen Zivillebens die Situation hoffnungslos-erdrückend war und auch der Blick nach vorwärts keineswegs eine rosige Zukunft ausmachen konnte, grenzt es fast an ein Wunder, dass in mir kein Verzagtsein, keine Mutlosigkeit oder gar eine Resignation aufkam. Im Gegenteil: schon am nächsten Tag hatte ich Ideen, wie ich meinen ausgemergelten, heruntergekommenen Körper wieder aufbauen könnte, wie ich, ohne anderen eine Last zu sein, meinen Lebensunterhalt bestreiten könnte, wie ich nach Vaters Worten ´mein eigenes Brot verdienen und auf eigenen Füßen stehen´ könnte. Das Wichtigste war zunächst das Essen, um zu Kraft zu kommen und arbeiten zu können – gleich, welche Arbeit es auch war. Ich war gesund und hatte aus dem Krieg ´meine heilen Knochen´ gerettet. Und noch wichtiger: meine positive Lebenseinstellung und meine innere Kraft zur aktiven Lebensgestaltung waren ungebrochen.

Während der folgenden Wochen verinnerlichte ich einige weitere Maximen als persönliche Ideale, die ich auf meinem zukünftigen Lebensweg befolgen wollte: Nie wieder wollte ich den politischen Vorgaben einer Staatsmacht leichtgläubig verfallen und niemals wieder wollte ich einer Gruppierung oder Obrigkeit als ohnmächtiger Untertan ausgeliefert sein. Zudem machte ich mir über meinen persönlichen Lebenswandel Vorstellungen: wenn irgend möglich, wollte ich eine Betätigung ausüben, die mir gestattete, eigene Ideen und Vorstellungen einzubringen und zu verwirklichen. Sicherlich waren diese idealistischen Lebensnormen meine persönliche Reaktion auf die tiefwirkenden, einschneidenden, unguten Erlebnisse der zurückliegenden elf Monate: den Heimatverlust, die Fronterlebnisse, die demütigende Abhängigkeit der Mittellosen, die Willkür und die Ungerechtigkeit der Machthaber, die Tücke und die Gemeinheit Einzelner, die ohnmächtige Rechtlosigkeit der Wehrlosen, die menschenverachtende Behandlung der Besiegten in der Gefangenschaft jedoch auch die vielseitige Hilfsbereitschaft und Zuneigung der Mitmenschen.