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Peter Binzberger  >  Abschiednehmen  >  Leseprobe 1

Und danach war alles anders

... Doch die Realität begann, mich von Augenblick zu Augenblick, von Stunde zu Stunde, von Tag zu Tag schonungslos und unbarmherzig einzuholen: Die Kriemhild, die ich aus dem Krankenhaus nach Hause brachte, war eine andere, war nicht meine Kriemhild, war nicht mehr die, die ich ein Leben lang gekannt und geliebt hatte! Zwar war Kriemhilds Gesicht genau so wie bisher – unverändert schön, voller Liebreiz, ihr Körper zierlich, rehschlank und geschmeidig. Lediglich Kriemhilds Bewegungen verrieten Veränderungen: einige waren langsamer, gewisse andere liefen jedoch spontaner, hastiger und unharmonisch ab. Ihre Bewegungssteuerung wirkte eckiger, gebrochener, nervöser, unruhiger. Und, oh Schreck! – In Kriemhilds leuchtend-blauen Augen fehlte das ruhige Strahlen ihrer liebevollen, wärmenden Seele. Ihre Augen waren jetzt von hellerem, kühlerem, nicht mehr so tiefem Blau, und deren Leuchten war ein wenig blasser geworden. Ein kaum merkbares Flackern in ihnen spiegelte seelische Unruhe wider, verriet ein gehetztes Gemüt. Das war nicht mehr meine Kriemhild, das war eine andere, eine veränderte Kriemhild!

Alle diese von mir in kurzer Zeit registrierten Veränderungen Kriemhilds waren, wie sich im Alltag alsbald herausstellte, nur die äußerlichen, nur die leicht erkennbaren Auswirkungen des Hirninfarkts im Thalamus.

Die Folgen der Verletzungen des seelischen Bereichs, in der Struktur der Persönlichkeit eines Menschen, wiegen schwerer als jeder Schaden am Körper. Das unbekannte, mir und den anderen Familienangehörigen bislang völlig fremde Verhalten Kriemhilds erschütterte uns alle. Kriemhilds unberechenbar auftretende, überempfindliche, auf emotionaler Fehlinterpretation beruhende Reaktionen und Handlungen schockten vor allem mich. Verständlicherweise: Nach fünf Jahrzehnten tiefster seelischer Verbundenheit kannte ich jede psychische Reaktion Kriemhilds. Und da ich nunmehr rund um die Uhr in Kriemhilds Nähe war, bemerkte ich am deutlichsten ihre neu auftretende und nicht bekannte Unberechenbarkeit. Eine bislang nicht vorhandene diffuse Angst und eine unbeherrschbare Unruhe schienen sich der zarten Seele Kriemhilds bemächtigt zu haben. „Angst frisst (die) Seele auf“ – behauptete ein aktueller Film jener Zeit – und sie, die Angst, hatte bereits das sonnig-heitere Gemüt Kriemhilds weitgehend zerstört. Völlig unbegründete, im Gefühlsbereich Kriemhilds ausgelöste irrationale Fantasien entsprangen letztendlich ihrer Befürchtung, dass sie mich – ihren so sehr geliebten, Halt gebenden Peter – an andere Frauen verlieren könnte.