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Peter Binzberger  >  Abschiednehmen  >  Leseprobe 2

Wetterleuchten am verdunkelten Horizont

... Während der dunklen Wintermonate gesellte sich bei Kriemhild zum Verzweiflungsschrei der Seele eine melancholische Grundstimmung: Das Sichfügen in das unabänderlich Scheinende erfasste ihr Denken. Die Bereitschaft des Abschieds von dieser Welt war aus unseren seltener gewordenen tieferen Zwiegesprächen nicht mehr wegzudenken und wurde von Kriemhild zunehmend deutlicher ausgesprochen. Das weitgehend von Gefühlen gesteuerte Pendeln ihrer Gedanken wechselte vom Wunsch nach einem Weiterleben an meiner Seite in einer von mir, ihrem Peter, abgeschirmten und wohlbehüteten, kleinen paradiesischen Welt und – gemäß ihrer seelenvollen „Opferstruktur“ – zum Gegenteil: Dem Verlassen dieser Welt, weil sie infolge ihres zunehmenden Gebrechens, mich, ihren überaus geliebten Peter, mit der inzwischen notwendig gewordenen Betreuung und Pflege nicht belasten wollte. Kriemhilds Worte ließen keine Zweifel daran, dass sie mir gerne den Weg für einen schönen, sinnenfreudigen Lebensabend mit einer Partnerin frei machen wollte, weil sie mir dieses Leben nicht mehr zu schenken vermochte.

 

In ihren fantasievollen Vorstellungen des „Selbstaufopferns“, nannte Kriemhild sogar die Namen Einzelner, die sie für mich wohlmeinend für die empfohlene Partnerbeziehung ausersehen hatte.

Andererseits brauchte Kriemhild, wie jeder Mensch, Anerkennung und Lob. In dieser Periode ihrer besonderen seelischen Schwäche forderte sie diese geradezu ein. Um ganz sicher zu gehen, fragte sie immer wieder, ob sie wohl in ihrem Leben alles gut und richtig gemacht und ob sie mir und den Kindern genügend Liebe geschenkt habe. Mit einem Wort, Kriemhild hungerte nach der Bestätigung, dass sie „brav“ gewesen war im weitesten und tiefsten Wortsinne. Dieses „Brav-gewesen-sein“ schien noch im Gedächtnis ihrer Kinderjahre als das Maß allen guten und wohlgefälligen Benehmens verblieben zu sein. Und nunmehr, im Bewusstwerden des nahenden Lebensendes, gewann dieses „Brav-gewesen-sein“ enorm an Bedeutung. Meine diesbezüglichen wiederholten bestätigenden Versicherungen wirkten auf Kriemhilds Gemüt sichtlich beruhigend und in ihre Seele kehrte für eine längere Zeit Friede und Zufriedenheit ein – so als wären sie eine Legitimation zum Zutritt in den jenseitigen Bereich der „ewigen Ruhe“.