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Peter Binzberger  >  Alleinsein  >  Leseprobe 2

In der beglückenden Bergwelt Südtirols

... Das Gesicht einer starken Frau in den allerbesten Jahren ihrer Reife schaut voller Optimismus mit der erlaubten Dosis „Weiblichkeit“ den Betrachter offen an. Es ist ein lebendes Porträt – ein Porträt, das eine starke Persönlichkeit signalisiert mit Zufriedenheit und Lust zum Leben, zum Leben voller Abenteuer. Mehr noch: glückliche, blitzende Augen versprechen Abenteuer! Und der Mund lächelt geheimnisvoll, nicht herausfordernd...! Doch der Betrachter ist nicht sicher. Ihm scheint, dass das Lächeln etwas verspricht. Es kann sein, dass ihn seine Fantasie auch narrt! Über diesen blauen Augen, welche in gewissen Augenblicken auch den Himmel auf Erden versprechen, vereinnahmt eine hohe Stirne als Zeichen von Intelligenz und Vernunft den Betrachter. Um jedoch diesen nicht zu erschrecken, ist die Stirne ein wenig von den stürmischen blonden Haaren bedeckt. Nicht wild sind diese! Im Gegenteil: gut gestaltet dokumentieren die weichen Haarwellen die Dynamik und die Sicherheit der weiblichen Persönlichkeit zu freien, selbstständigen Gedanken und Entscheidungen.

... Kaum erklangen die ersten Takte zum nächsten Tanz, forderte mich Frau Maria zu einem Tänzchen auf. Ich war verblüfft! Ein wenig befangen und gehemmt legte ich zur Führung beim Tanz sehr zaghaft meinen Arm um Marias schlanke Taille. Denn bislang hatte mir Frau Maria – mit dem Hinweis auf ihre Schmerzempfindlichkeit infolge der Chemotherapien – jedwede Berührung ihres Körpers verwehrt. Doch nach wenigen Schritten auf der kleinen, überfüllten Tanzfläche forderte mich Frau Maria gebieterisch auf, sie richtig zu umfassen.

Sie sei gewohnt, beim Tanz fest geführt zu werden. Welch ein Wunder war da geschehen! Innerhalb weniger Augenblicke erlebte ich, wie Frau Maria von einer Lebenslust erfasst wurde, wie Gefühle aufwallten, hoch loderten, mehr und mehr zu ungezähmter Lebenskraft wurden und sich bis ins Eruptive steigerten! Einen lebenden Gefühlsvulkan hielt ich mit meinem Arm umschlungen! Ich verlor meine Beklemmung, wurde freier, gelöster und wagte, den nächsten Tango mit Frau Maria figurativ aufs Parkett zu legen! Nach wenigen Augenblicken war die Tanzfläche leer, frei allein für Frau Maria und mich! Die übrigen Gäste standen dicht an dicht im Ring um uns, an die Wand gerückt oder zwischen den Tischen stehend. Und alle klatschten im Takt. Frau Maria war in ihrem Element! Geschmeidig passte sie sich mir an und ergänzte, wie einstudiert, figurativ meine Tanzschritte. Als die Musik aufhörte, mündete das rhythmische Klatschen in begeisterten, anerkennenden Applaus. Frau Maria hatte ihre Schau und genoss es sichtlich, im Mittelpunkt gestanden zu haben. Anschließend an der Bar schenkte mir Frau Maria großzügig diesen erlebnisreichen Abend als Zeichen ihres Dankes für den Südtiroler Urlaub! Ein Präsent, gekonnt mit Etikette überreicht: Dem älteren Herrn Peter das Wiedererleben eines Zipfels vergangenen Glücks mit einer jungen attraktiven Frau! Ein schöneres Geschenk konnte es nicht geben! Doch dieser Tango verriet noch mehr: Eine bis dahin verborgen gebliebene gegenseitige Gefühlsannäherung zwischen Frau Maria und mir. Infolge des allmählichen Ignorierens von „Frau/Herr“ in der Anrede erhöhte Maria ihr spätabendliches Präsent zum Doppelgeschenk!