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Neujahrs-Küsse am Karbach

Kurz vor Mitternacht des Silvesterabends verließ ich mit Kriemhild den fröhlichen kleinen Freundeskreis in Maries guter Stube. Wir wollten in besinnlicher Zweisamkeit das Neue Jahr begrüßen.

Draußen erwartete uns eine sternenklare, helle und milde Winternacht. Wir gingen nach rechts und verließen die vom Schnee geräumte Dorfstraße bereits nach dem zweiten Haus, beim Hof des Bauern Nadig. Ich kannte hier jeden Schritt: Die Karseer benutzten übers Jahr hin einen an dieser Stelle abzweigenden, kaum erkennbaren Trampelpfad, der zunächst geradewegs über eine ebene Wiese führt. Dort jedoch, wo das Gelände in sanfter Neigung zum See und zum Karbach abfällt, schlängelt sich der Pfad hin zu einem schmalen Bohlensteg über den Karbach, um sich jenseits am Hang im Walde zu verlieren. Jetzt lag alles unter einer weißen, noch völlig unberührten Schneedecke und kein Laut störte die göttliche Stille, die mit dem Winter ins Allgäu eingezogen war. Ich blieb stehen, um mit ehrfurchtsvoller Andacht zum sternenübersäten Himmel aufzuschauen. Als danach mein Blick zu Kriemhild wanderte, konnte ich im Widerschein der Schneehelle ihr glückliches Gesicht erkennen. Das eingetretene kurze Schweigen überbrückte ich, indem ich auf den Steg über den Karbach zeigend sagte, dass wir nur über diesen zum Waldsaum jenseits des Baches gelangen könnten. Kriemhild schwieg. Sie muss wohl vom Zauber der uns umgebenden tiefen Stille und von der weichen, unberührten weißen Schönheit überwältigt gewesen sein. Und als ich wortlos weiterging, folgte sie vertrauensvoll.

Kaum standen Kriemhild und ich unter dem schneetragenden Geäst der Erlen und Buchen, deren kräftige Stämme vor dem wenige Schritte dahinter ansteigenden, dichten, fast undurchdringlichen Tannenwald aufragten, schlug im Kirchenturm jenseits des Karsees die Mitternachtsstunde. Unmittelbar danach hallte das Festgeläute der Glocken über den See und hinauf zu den Bauernhöfen an den Hängen der umliegenden Hügel. Das Jahr des Herrn 1948 wurde im Allgäu begrüßt.

Kriemhild und ich schauten uns lange, unbefangen und sehnsuchtsvoll an. Es gab keine Zweifel: In unseren Augen spiegelte sich das ewige, erhabenste Wunder des Lebens – die Liebe! Rein und seelenvoll! Ungetrübt und fern von körperlichem Begehren hatten sich unsere Seelen gefunden. ...